Alles auf Bauchgefühl

Es ist dieser Moment nach dem Essen, wenn die Kinder in alle Richtungen davongestoben sind und es endlich ein wenig ruhiger wird, dieser Moment, in dem Eltern mal ungestört ein paar Worte wechseln können oder einfach kurz den eigenen Gedanken nachhängen. Genau das ist bei mir oft der erste Moment seit Beginn der Mahlzeit, an dem ich wirklich in mich hinein höre und auf mein Bauchgefühl in punkto Essen achte. Häufig stelle ich dabei fest, dass ich mal wieder über meinen Hunger hinaus gegessen habe. Dass ich, näher betrachtet, vor der Mahlzeit auch nicht wirklich hungrig war, aber trotzdem aus Gewohnheit und völlig automatisch mitgegessen habe. Oder genau das Gegenteil: ich war megahungrig, zwischen streitenden Kindern, umkippenden Gläsern und “Das mag ich nicht!”-Rufen habe ich deshalb jede sich bietende Sekunde genutzt, um schnell mal selber zu essen, und dann gar nicht mehr wahrgenommen, dass ich schon satt bin.

Als Mutter oder Vater achtsam mit sich selbst zu sein, ist selten leicht. Egal, ob es um Essen, Stressbewältigung oder eigene Bedürfnisse geht – sehr oft geht es im elterlichen Alltag darum zu funktionieren, den Laden am Laufen und die Stimmung einigermaßen hoch zu halten. Dass wir uns selbst dabei eher hinten anstellen, ist völlig normal und dient ein Stück weit auch der Sache und dem Familienfrieden. Aber eben nur ein Stück weit. Denn andererseits geht es Kindern vor allem dann gut, wenn es den Eltern gut geht, das wurde bereits mehrfach nachgewiesen. Ebenso wie die Tatsache, dass Kinder Verhaltensmuster in erster Linie zu Hause erlernen – und dazu gehört eben auch der Umgang mit sich selbst, mit Hunger, Durst, Stress, mit Emotionen. Wie also bringen wir das alles stimmig unter einen Hut?

Genau das habe ich mich immer öfter gefragt. Je mehr ich mich bemüht habe, meinen Kindern das intuitive Essen zu ermöglichen und auch ihre Achtsamkeit für ihre eigenen Bedürfnisse zu schulen und zu stärken, desto mehr habe ich mich gefragt, wie ich das alles denn auch selber umsetzen und gleichzeitig meiner Elternrolle gerecht werden kann. Nur ein Beispiel: Familienmahlzeiten finde ich extrem wichtig, aber um 12:00 Uhr mittags habe ich meist noch keinen Hunger – genau das ist aber unsere Essenszeit, wenn es mit dem Mittagsschlaf der Minimaus hinhauen soll. Oder das bei uns des öfteren gespielte Drama in mehreren Akten “Allein am Tisch mit drei Kindern”: hier etwas kleinschneiden, da eine zweite Portion auftun, verschütteten Saft aufputzen, Streit schlichten, drei Mäusen gleichzeitig zuhören und antworten – viel Zeit für Besinnung auf das eigene Essen bleibt da wirklich nicht.

Trotzdem ist es mir inzwischen gelungen, einige für mich wirksame Strategien zu entwickeln, mit denen es mir immer öfter gelingt, Hunger, Appetit und Sättigung wahrzunehmen und auch danach zu essen. Vielleicht ist bei meinen Tipps auch der eine oder andere für euch dabei:

  1. Niemals mit Bärenhunger in eine Familienmahlzeit gehen. Wenn ich wirklich richtig hungrig bin, esse ich vorher (z. B. während ich koche) einen Apfel, ein bisschen Rohkost oder ein paar Nüsse, irgend etwas, das dem Hunger die Spitze nimmt. Dann finde ich es nicht so schlimm, wenn ich bei der gemeinsamen Mahlzeit nicht gleich selbst zum Essen komme, und kann zuerst in Ruhe die Mäuse supporten.
  2. Hunger in Richtung der gemeinsamen Mahlzeiten steuern. Korreliert mit Punkt 1. Genauso, wie ich versuche keinen Heißhunger aufkommen zu lassen, versuche ich mich vor den gemeinsamen Mahlzeiten nicht komplett satt zu essen. Wenn ich als Spätfrühstücker also am Wochenende gegen 9.30 Uhr etwas esse, behalte ich im Hinterkopf, dass es ja um 12.00 Uhr Mittag geben muss, siehe oben, und frühstücke entsprechend nicht so ausgiebig, wie ich es unter der Woche manchmal mache, wenn die Mäuse in Schule und Kita Mittag essen und ich an keine Uhrzeit gebunden bin.
  3. Familienmahlzeiten leben mehr von Familie als von Mahlzeiten. Soll heißen, man kann daran teilnehmen, ohne zu essen. Frei nach dem Motto “Dabeisein ist alles.” Falls es also zum Beispiel mit Punkt 2 nicht so ganz hingehauen hat und ich mich satt fühle, esse ich nichts oder nur ein bisschen Salat, Gemüse, Rohkost, was mich eben anlacht. Manchmal mache ich mir auch einfach nur eine Tasse Tee. Aber ich sitze mit am Tisch, nehme an den Gesprächen teil. Und wenn meine Kinder fragen, warum ich nichts esse, sage ich es genau so, wie es ist: “Weil ich keinen Hunger habe.” Vorbildfunktion: check!
  4. Vor dem Essen kurz innehalten. Für mich persönlich der schwierigste Punkt, aber sehr effektiv: bevor ich anfange zu essen, versuche ich für einen kurzen Moment innezuhalten und in mich hinein zu spüren. Wie groß ist mein Hunger? Worauf habe ich Appetit? Mir persönlich hilft das sehr, im Anschluss auch entsprechend zu essen.
  5. Vielfalt auch für Eltern. Genau wie meine Mäuse habe auch ich gewisse Essensvorlieben. Ich mag keinen Milchreis, meine Mäuse lieben ihn. Ich kann Pfannkuchen manchmal einfach nicht mehr sehen. Und ab und zu hab ich einfach Lust auf etwas richtig deftiges, während alle anderen mit einem Marmeladenbrot zufrieden wären. Ich versuche deshalb immer mehr, auch meine eigenen Vorlieben – und die meines Mannes – mit in die Essensplanung einfließen zu lassen und nicht nur für die Kinder, sondern auch für uns eventuell eine “Alternative” bereit zu halten. Zum letzten Milchreis gab es deshalb einen Avocado-Kichererbsen-Salat.

Das alles heißt natürlich nicht, dass ich jetzt immer mit einem angenehmen Bauchgefühl vom Esstisch aufstehe. nein, natürlich kommt es nach wie vor dazu, dass ich im Alltagsstress nicht wirklich auf mich achte. Aber es wird seltener. Und das ist doch schon mal ein guter Anfang.

In diesem Sinne: Lasst es euch schmecken – wenn ihr Hunger habt!

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