Ein Eis zum Trost

Ein gemütlicher Nachmittag auf dem Sofa. Vorlesezeit. Minimaus hatte ein Buch ausgegraben, dass ich den großen Mäusen vor einigen Jahren schon viele Male vorgelesen hatte. Doch noch nie war mir der Satz aufgefallen, über den ich dann sprichwörtlich stolperte (ich bin eigentlich Meisterin im spontanen Abwandeln von Textinhalten, die ich für pädagogisch nicht wertvoll erachte, aber an der Stelle kam ich dann doch ins Stocken): “Magst du zum Trost ein Eis?” wird ein kleines Bärchen von den Eltern gefragt, nachdem es beim Sprung in den See fast ertrunken wäre. Und prompt folgt dann auch gleich die Bestätigung – ja, der kleine Bär braucht jetzt unbedingt ein Eis!

Wie gesagt – dieses Buch habe ich viele Male vorgelesen, ohne diese Stelle zu hinterfragen. Dabei achte ich schon von Anfang an darauf, dass Essen bei unseren Mäusen so weit wie möglich vom Emotionen entkoppelt wird. Bei uns gibt es für die großen und kleinen Wehwehchen des Kinderlebens – aufgeschlagene Knie, schlechte Noten, Streit mit der besten Freundin, doofe Hausaufgaben, whatever – keine Süßigkeiten, keine Chips und auch sonst kein Essen. Wir versuchen es stattdessen mit extralangen Kuscheleinheiten, lieben Worten, intensiven Gesprächen.

Denn eines ist ganz klar und wurde bereits in etlichen Studien nachgewisen – wer als Kind gelernt hat, negative Emotionen mit Essen zu kompensieren oder Essen als Belohnung oder Liebesbeweis erhalten hat, der wird sich ziemlich schwer tun, diese Koppelung im späteren Leben wieder loszuwerden. Kann ich selber nur bestätigen – die Schokolade nach einem stressigen Tag habe ich mir doch “echt verdient”, wenn ich verärgert bin, finde ich mich manchmal völlig überraschend vor dem offenen Kühlschrank wieder. Meistens auf der Suche nach etwas süßem oder etwas “besonderem”, das ich sonst eher selten esse. Wenn ich mir selbst etwas gutes tun möchte, tue ich das fast immer über Essen. Dieses Verhalten nennt man in Fachkreisen “emotionales Essen”, das heißt essen ohne Hunger, sondern mit dem (oft unbewussten) Ziel, Emotionen auszugleichen. Das führt häufig zu Übergewicht, denn es wird ja ohne körperlichen Hunger und damit über den eigentlichen Hunger hinaus gegessen. Gerade bei Jugendlichen führt dieses Übergewicht dann zu noch mehr Frust und Stress, der wiederum mit Essen gedämpft wird. An dieser Stelle beginnt nicht selten ein Teufelskreis, aus dem sich eine Essstörung entwickeln kann.

Kleiner Trost: jeder, auch wir Erwachsene können – mit einer gewissen Portion Achtsamkeit – lernen, diese Verhaltensmuster zu durchbrechen. Unseren Kindern aber tun wir einen großen Gefallen, wenn wir uns zum Trösten, Streitschlichten, Probleme lösen Zeit nehmen. Für eine Umarmung, eine Runde Kuscheln oder Vorlesen, ein ausführliches Gespräch. Denn nur so lernen unsere Kinder, was ihnen auch später im Leben bei Frust und Ärger wirklich hilft: der Kontakt und Austausch mit anderen. Liebe und Selbstliebe.

Ist Essen bei uns dann tatsächlich “nur” Nahrungsmittel mit dem einzigen Ziel, den Hunger zu stillen? Natürlich nicht. Ich glaube, das ist gar nicht realistisch und kaum machbar. Aber das Eis am letzten Schultag gibt es bei uns eben nicht als Trost wegen schlechter oder als Belohnung für gute Noten. Sondern zur Feier des Tages, weil endlich Ferien sind. Zum Geburtstag gibt es das gewünschte Lieblingsessen, und jede unserer Mäuse hat ien Gericht, das sie immer haben möchte, wenn sie krank ist. Und für das ultimative Ferienfeeling gab es kürzlich zum Frühstück Pancakes mit Avocado-Schoko-Aufstrich. Essen kann unser Leben unglaublich bereichern; nur die Auseinandersetzung mit unseren (negativen) Emotionen kann es uns nicht abnehmen.

In diesem Sinne: lasst euch die Ferien und den Sommer schmecken!

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