Zeit zum Essen? (Teil 2)

Mit den lang ersehnten schrittweisen Corona-Lockerungen der letzten Wochen ist er wieder ein Stück weit eingekehrt – der Alltag. Weitestgehend verfalle ich diesbezüglich in inneres Frohlocken, doch ich kann nicht umhin zuzugeben, dass mit dem Alltag auch das Stresslevel wieder eher in Richtung früheres Niveau gestiegen ist. Nach etlichen Wochen ohne jegliche Termine außer Haus, bestimmt von Homeschooling, Homeoffice, spielen im Garten, Spaziergängen und ansonsten nicht viel fühle ich mich jetzt des öfteren wie in einem Bienenstock. Die große Maus und Mittelmaus gehen in die Schule, Minimaus in die Kita (nichts davon möchte ich missen!), an den Nachmittagen haben wir wieder Arzttermine, Musikschule, Tanzunterricht etc. Die Kinder treffen wieder Freunde, müssen mal hierhin, mal dahin gebracht werden. Business as usual (naja, fast). Und zusammen mit diesen schrittweisen Änderungen hin zur Normalität ist auch die Zeit für andere Dinge wieder weniger geworden – unter anderem fürs Essen. Zwischen all den Aktivitäten und Terminen passiert es daher leicht, dass Mahlzeiten zu einer reinen Form- und damit Nebensache werden.

Dabei ist Zeit eine der wichtigsten Zutaten für eine gelungene Mahlzeit. Und dabei meine ich nicht die Zeit für die Vorbereitung – nicht umsonst findet ihr auf diesem Blog viele schnelle Rezepte -, sondern vor allen Dingen die Zeit, das Essen zu genießen. Wer sich ausreichend Zeit für das gemeinsame Essen nimmt, bereichert damit nicht nur das Familienleben, sondern lebt nachweislich auch gesünder. Denn da wir unter Stress häufig sehr schnell und mit wenig Aufmerksamkeit essen, können wir dabei häufig nicht ausreichend auf Hunger und Sättigung achten und überessen uns. Passiert das regelmäßig, steigt das Risiko ins Übergewicht zu geraten. Nehmen wir uns stattdessen Zeit um in Ruhe eine Mahlzeit zu uns zu nehmen, können wir sehr viel besser spüren, wann wir satt sind.

Gerade in Familien kommt gemeinsamen Mahlzeiten ohne Zeitdruck eine große Bedeutung zu. Studien haben ergeben, dass Kinder, die regelmäßig mit ihrere Familie essen, weniger stark zu Übergewicht neigen als Kinder aus Familien, in denen es keine geregelten gemeinsamen Mahlzeiten gibt. Unser Essverhalten ist zu großen Teilen anerzogen – der Familientisch ist sozusagen die Wiege unserer persönlichesn Esskultur.

In unserer Familie halten wir den gemeinsamen Familientisch sehr in Ehren, unter normalen Umständen sitzen wir zweimal, mindestens aber einmal pro Tag als komplette Familie zum Essen am Tisch – zum Frühstück und zum Abendessen. Und wir Eltern planen in aller Regel dafür auch genügend Zeit ein. Was nicht heißt, dass die Kinder diese Pläne nicht immer wieder ordentlich durchkreuzen. Erst heute brach am Frühstückstisch hektisches Treiben aus, weil Mittelmaus gestern eine Milchflasche nicht richtig verschlossen hatte und der Inhalt derselben dem Mäusevater um die Ohren flog, als er die Flasche schüttelte, um die Sahne zu emulgieren. Sehr “beliebt” sind derzeit auch dramatische Brüllanfälle der Minimaus am Esstisch, wahlweise wegen durchgebrochener Bananen (“wieder kleeeeeben!”), zu viel oder zu wenig Soße oder der falschen Position bestimmter Zutaten auf dem Teller (es spielt eine große Rolle, ob Erbsen rechts oder links liegen, wusstet ihr das?). Dazwischen fallen volle Wassergläser um, Mittelmaus muss unbedingt eine Runde um den Tisch rennen, die große Maus erzählt den neuesten Schultratsch und ach ja, in fünf Minuten ist der Mäusevater zum Fahrradtraining verabredet. Das alles trägt nicht unbedingt zu einer entspannten Atmosphäre am Esstisch bei und ja, ich gebe zu, auch ich denke mir gelegentlich nach dem Essen, dass die letzte Portion eher nicht mehr hätte sein müssen – weil ich in dem ganzen Trubel schlicht und ergreifend nicht gemerkt habe, dass ich eigentlich schon vorher satt war.

Natürlich verlaufen nicht alle unsere Familienmahlzeiten so und in Summe würde ich sagen, dass wir es in den allermeisten Fällen schaffen in Ruhe und mit Genuss zu essen. Wie das geht? Folgende Regeln gelten bei uns in der Familie:

  • Zum Essen kommen alle, die gerade zu Hause sind, an den Tisch. Egal ob hungrig oder nicht.
  • Alle bleiben sitzen, bis alle fertig sind. Wenn wir Eltern nach dem Essen noch länger reden wollen, dürfen die Mäuse aufstehen, sobald alle Mäuse fertig sind.
  • Während der Mahlzeit bleiben wir am Tisch, außer es fehlt etwas.
  • Wir essen aufmerksam und bewusst – am Tisch gibt es weder Spielzeug, noch Handy, Zeitschriften oder ähnliches, und während der Mahlzeiten laufen keine Musik und kein Fernseher.
  • Wir essen in “Runden” – Nachschlag gibt es erst, wenn alle die erste Portion aufgegessen haben (oder satt sind). Diese Regel passt sicher nicht in allen Familien – wir haben sie eingeführt, da unsere Mäuse ein sehr unterschiedlichess Esstempo haben. Die große Maus kann zwei riesige Portionen praktisch inhalieren, bevor die Mittelmaus überhaupt angefangen hat zu essen. Mit dem “Rundenessen” helfen wir der großen Maus, langsamer zu essen und Hunger und Sättigung besser zu spüren, und nehmen der Mittelmaus die Angst, keinen Nachschlag mehr abzubekommen.
  • Wer später kommt – z. B. wegen Sporttraining – bekommt auf jeden Fall seine Portion und auch Gesellschaft beim Essen von mindestens einem Familienmitglied (kann auch jemand sein, der nebenher die Küche aufräumt).

Für den Fall, dass Langeweile aufkommt (passiert vor allem der großen Mau gelegentlich, wenn sie auf die nächste Runde wartet), haben wir außerdem ein Set mit “Konversationskärtchen” extra für Familien. Darauf steht pro Karte eine Frage, zu der dann alle am Tisch etwas sagen. Sorgt oft für große Heiterkeit und angeregte Gespräche und ist super hilfreich, um die Mäuse am Tisch und gleichzeitig bei Laune zu halten.

Mit diesen Rahmenbedingungen fangen wir explodierende Milchflaschen, Überschwemmungen aller Art und diverse Tumulte meistens ganz gut auf – denke ich jedenfalls. Und hoffe, dass unsere Mäuse sich später gerne an die Familienmahlzeiten erinnern werden – weil wir da “mal Zeit” füreinander hatten.

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