Zeit zum Essen?

“Mama, ich hab riiiiiiiiiesigen Hunger!” Ein Satz, den ich aus dem Mund meiner Mäuse häufig höre. Bevorzugt nach 17.00 Uhr – wenn ich am Herd stehe und das Abendessen koche. Das gibt es bei uns im Normalfall gegen 18.00 Uhr, wenn der beste Mann und Papa der Welt aus der Arbeit nach Hause kommt.

Eine Situation, die viele kennen. Lange Zeit war meine lapidare Antwort: “Essen ist bald fertig.” War nie gelogen, denn bald ist ein dehnbarer Begriff. Und schließlich sollte sich das Kind den Hunger doch bitte für die gemeinsame Mahlzeit und etwas “ordentliches” zu essen aufsparen. Aber jeder, der weiß, wie sich ein ordentlich grummelnder hungriger Bauch anfühlt, weiß auch wie schwer es ist, sich dann in Geduld zu üben, wenn eigentlich etwas essbares greifbar wäre. Und so führte auch bei uns diese Antwort wahlweise zu einer der folgenden Situationen:

  • Kind quengelt während der gesamten Kochzeit nach Essen
  • Kind wird trotzig, aggressiv oder fängt Streit mit den Geschwistern an
  • Kind mopst sich heimlich Essen oder Süßigkeiten
  • Kind nascht vom halbfertigen Essen oder den vorbereiteten Zutaten

Im Normalfall führt bei uns keine der genannten Siutationen zu einem guten Ende. Hat das Kind sich quengelnd, weinend, jammernd oder streitend bis zum gemeinsamen Essen selbst diszipliniert, wird das Essen dann häufig in großer Menge mit einem Affenzahn verschlungen, oftmals weit über den eigentlichen Hunger hinaus. Denn wenn wir unseren Hunger nicht ernst nehmen (oder bei Kindern vielmehr, wenn die Eltern das nicht tun) und ihn übergroß werden lassen, entsteht der sogenannte Heißhunger. Essen wird dann gierig und zu schnell verzehrt, der Körper kommt mit dem Aussenden der Sättigungssignale nicht hinterher. Resultat: Bauchweh, Unwohlsein, Übelkeit. Und – wenn das häufig so passiert – auf lange Sicht Übergewicht.

Hat das Kind hingegen mehr oder weniger heimlich genascht, schnabuliert, etwas gegessen, dann ist gegebenenfalls bei der Familienmahlzeit tatsächlich kein Hunger mehr da (“Hab ich es nicht gleich gesagt!?!”). Unsere Mäuse haben früher dann häufig aus schlechtem Gewissen trotzdem noch etwas gegessen. Auch dabei wird wieder das eigene Körpergefühl übergangen und am Ende über den Hunger hinaus gegessen.

Was wir tun, wenn wir unsere Kinder dazu anhalten, den Hunger bis zum Essen aufzusparen, ist ganz klar: wir bringen ihnen bei, die eigenen Körpersignale zu missachten. Essen soll man in dieser Vorstellung dann, wenn es die Uhr (oder der Koch) vorgibt, und nicht der Körper. Dabei weiß unser Körper sehr gut, wann er was braucht – und Hunger als Signal ernst zu nehmen ist erwiesenermaßen einer der besten Wege, um sowohl Übergewicht als auch Essstörungen vorzubeugen.

So richtig klar wurde mir dieses ganze Dilemma erst vor kurzem, als ich feststellte: ich esse sehr häufig, während ich das Abendessen koche. Weil ich einen Bombenhunger habe. Genau wie die Mäuse. Aber wir wollen ja zusammen als Familie essen, oder? Also knabbere ich ein bisschen vom Gemüse, während ich es kleinschneide, nehme mir beim Käsereiben ein Stück “zum Probieren”, schmecke die Soße im Minutentakt ab und knabbere nebenher noch Studentenfutter. Bis das Essen fertig ist, bin ich satt, aber weil ich ja den Kindern ein gutes Vorbild sein möchte, esse ich trotzdem, und weil es so gut schmeckt, dann auch noch einen zweiten Teller. Und fühle mich danach: voll und unwohl.

Wie aber können wir überhaupt gemeinsame Mahlzeiten als Familie realisieren, wenn jeder essen soll und darf, wenn er hungrig ist? Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Nach einigem Experimentieren haben wir in unserer Familie verschiedene Ansätze gefunden, mit denen wir inzwischen sehr gut fahren.

Minimaus bekommt am Nachmittag von uns aktiv eine Zwischenmahlzeit angeboten, meistens Obst, Joghurt oder Müsli. Die Mittelmaus und große Maus können sich jederzeit melden, wenn sie hungrig sind, bzw. am Obstkorb frei bedienen.

Wenn am ganz späten Nachmittag (also eigentlich schon kurz vorm Abendessen) Hunger aufkommt, weise ich nach wie vor darauf hin, dass das Essen bald fertig sein wird. Je nach Ausprägung des Hungers und Dramatik der Situation gibt es dann verschiedene Varianten:

  • gegen den kleinen Hunger gibt es Obst, Joghurt oder Rohkost.
  • gerne lasse ich die Mäuse auch beim Kochen helfen, vor allem beim Schneiden von Gemüse oder anderen Zutaten. Dabei wird nebenher ganz automatisch ein bisschen genascht, der größte Hunger damit gestillt und die Zeit bis zum gemeinsamen Essen vergeht schneller.
  • Ein Rohkostteller als Vorspeise hat uns schon so manche halbe Stunde Gequengel erspart.
  • wer wirklich an Ort und Stelle zu verhungern droht, darf sich ein Brot schmieren oder ein Müsli zubereiten (lassen). Wenn Reste vom Vortag da sind, biete ich manchmal auch die an.

Wichtigste Grundregel ist aber geworden: alle sitzen zum gemeinsamen Essen am Tisch, aber niemand muss essen, wenn er nicht hungrig ist. Minimaus lebt dieses Konzept zur Gänze aus, sie ist immer mal wieder schon satt, wenn wir uns alle an den Tisch setzen. Die beiden großen Mäuse haben es beide ein paar Mal ausprobiert und sich an belegten Broten satt gegessen – um dann festzustellen, dass es ziemlich langweilig ist, satt am Tisch zu sitzen und dem Rest der Familie beim Essen zuzusehen. Seither entscheiden sie sich von selbst für eine der ersten Optionen und essen soviel, dass sie die Zeit gut aushalten, aber eben auch noch Hunger für das gemeinsame Essen haben. Zu heißhungrigen Schlinganfällen kommt es dadurch inzwischen kaum noch. Und sowohl das Kochen als auch das gemeinsame Essen sind viel entspannter geworden.

Was mich angeht – ich arbeite noch an mir. Oft bin ich am Nachmittag zu beschäftigt mit den Mäusen, um auf meinen Hunger zu achten. Das große Loch im Bauch spüre ich dann erst, wenn ich meine Kochzutaten herrichte. Inzwischen versuche ich es öfters mal mit einer Scheibe Knäckebrot mit Belag, bevor ich mit dem Kochen anfange, aber die alten eingefahrenen Muster sitzen tief. Allein schon deshalb lohnt es sich, dass wir unseren Kindern ein gutes Gespür für ihre Körpersignale mitgeben – damit sie auch später im Leben auf sich und ihren Körper hören können.

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