Der Feind in meinem Bad

Mit Grauen erinnere ich mich an das Weihnachtsfest, als ich 14 Jahre alt war. Unter dem Baum lag, hübsch verpackt, eine Badezimmerwaage. Ich hatte kurz zuvor ein neues Zimmer unter dem frisch renovierten Dach bekommen, mit eigenem Bad, total cool – die Waage hatte bis dahin noch gefehlt und war eben deshalb mit zu den Geschenken gewandert. Klar, es gab noch andere, tolle Geschenke, solche, die ich mir gewünscht hatte. In Erinnerung geblieben ist mir nur diese Waage. Und das ekelhafte Gefühl im Bauch, als meine Mutter ganz beiläufig meinte, dass ich ja ohnehin ein bisschen mehr auf mein Gewicht achten müsse. Diese Waage war mein Einstieg in eine langjährige Feindschaft mit meinem Körper und in das lang anhaltende Gefühl, zu dick zu sein.

Vor kurzem war meine große Maus nach einem Spielbesuch einer Freundin am Boden zerstört. Erst nach längerem Nachfragen brach es aus ihr heraus: “Die XY sagt, ich bin dick. Und dann haben wir uns gewogen und sie ist viel leichter als ich!” Und da war es wieder, dieses ekelhafte Gefühl im Bauch. Mein wunderbares Mädchen, 9 Jahre alt, eine fantastische kleine Persönlichkeit, hatte gerade die volle Breitseite des Schlank- und Schönheitswahns abbekommen. So zumindest fühlte es sich an. Und ich konnte sie so gut verstehen. Genau wie ich als Kind ist sie “stabil” gebaut, war bei den Vorsorgeuntersuchungen immer eher im oberen Bereich der Gewichtskurve. Etliche ihrer Freundinnen sind das genaue Gegenteil, schmal und schon immer im unteren Gewichtsbereich. Sie alle sind wunderbare Kinder, jedes mit seinem eigenen Charakter, seinen eigenen Ideen und Träumen. Vor allem aber sind sie alle ganz normale Kinder.

Genau das sollte eigentlich unsere Aufgabe als Eltern, als Gesellschaft sein. Unseren Kindern beibringen, dass sie gut sind, wie sie sind – und dass es nicht nur die eine richtige Körperform gibt, sondern dass es einen enorm großen Streubereich gibt, in dem alles “normal” ist. Es gibt große und kleine Menschen, blonde und dunkelhaarige, solche mit Locken oder mit glatten Haaren, mit kleinem Mund, abstehenden Ohren, Stupsnase, you name it. Keiner ist perfekt, aber alle sind ok. Wir müssen nicht alle mögen, aber jeden akzeptieren. Und nur weil ein Mensch nicht dem gerade aktuellen Schönheitsideal entspricht, macht ihn das noch lange nicht weniger liebenswert. Das zumindest möchte ich meinen Kindern mitgeben.

Leider erlebe ich häufig das genaue Gegenteil. Wir bewerten einander und auch uns selbst nach dem äußeren Erscheinungsbild, in vielerlei Hinsicht, vor allem aber, wenn es um Gewicht und Figur geht. Was unsere Kinder dadurch lernen, ist sich zu kontrollieren, zu reglementieren, zu kasteien um der gewünschten Norm zu entsprechen. Der eigene Wert wird verbunden mit dem äußeren Erscheinungsbild. Und wer es nicht schafft, dem Ideal zu entsprechen, dem drohen Hänseleien, doofe Sprüche bis hin zu Mobbing. Ich kenne nicht wenige Eltern, die das ganz normal und auch bis zu einem gewissen Grad ok finden. “Es ist schließlich nicht die Verantwortung meiner Tochter, wenn deine Gewichtsprobleme hat” – das habe ich tatsächlich schon gesagt bekommen, als ich das Thema Hänseleien wegen des Gewichts unter Eltern angesprochen habe.

Probleme macht das Gewicht für Kinder aber oft erst, nachdem sie solche Sprüche in Bezug auf sich selbst gehört haben. Vor allem dann, wenn sie sich am oberen oder unteren Rand des Normalbereichs bewegen. Gerade dann – wenn vielleicht auch die Eltern bereits ein wachsames Auge auf das Gewicht haben und empfindlich reagieren – können unbedachte und respektlose Aussagen sprichtwörtlich “das Zünglein an der Waage” sein und dazu beitragen, dass Kinder beginnen sich selbst und ihren Körper, ihren Wert in Frage zu stellen.

So war es auch bei unserer großen Maus. Das Thema “Gewicht” poppte seit dem Vorfall mit der Waage immer wieder auf, sie begann sich immer häufiger zu wiegen, war über jedes zugenommene Gramm traurig und zog ständig Vergleiche zwischen sich und anderen, die nie zu ihren Gunsten ausfielen. Wir haben deshalb inzwischen die Waage im Badezimmer weg geräumt. Und sprechen zu Hause viel darüber, dass es unglaublich viele verschiedene Körperformen gibt. Ich möchte hier keinesfalls dafür plädieren, Übergewicht zu verharmlosen oder dass wir als Eltern nicht aufmerksam werden sollten, wenn ein Kind schnell und deutlich zunimmt. Das merken wir aber im Normalfall auch ohne Waage. Und ansonsten gilt bei uns: jeder ist gut, so, wie er ist.

In diesem Sinne: weniger wiegen, mehr vertrauen – in unsere Kinder, in ihren Körper und in die Tatsache, dass sie wunderbar sind, wie sie sind.

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